Erlebnispädagogik macht selbstbewusst
Von Andreas Dudda | 1.November 2009
Ein Klettersteig statt einem tief schürfenden, psychologischen Gespräch? Sich an einem Balanceseil üben, um das seelische Gleichgewicht wieder zu finden? Die Erlebnispädagogik setzt dort an, wo Worte aufhören oder nicht weiter kommen. Im Kinder- und Jugenddorf Marienpflege (Nähe Stuttgart) hat man mit diesem therapeutischen Zweig bei der Stärkung kindlicher Psychen großen Erfolg.
Auf dem Stundenplan steht heute nicht Mathe, Physik oder Geschichte. Heute geht‘s um Basketball, Bogenschießen, Mountainbike oder Klettern. “Damit erreicht man alle Kinder”, ist Markus Barth, Sport- und Erlebnispädagoge in der Marienpflege, überzeugt.
Seit vielen Jahrzehnten, das lässt sich zurückverfolgen bis in Zeiten als Pfarrer Erwin Knam das Kinderdorf leitete, bauen die Pädagogen neben psychologischer und heilpädagogischer Betreuung auf die Erlebnispädagogik. “Pfarrer Knam ist damals schon mit den Kindern in die Berge gefahren zum Klettern”, blickt Ralf Klein-Jung, Leiter der Marienpflege, in die Vergangenheit.Plötzlich hätten sich die oft verschlossenen, verletzten, psychisch und sozial angeschlagenen Gemüter geöffnet, die Jugendlichen begannen zu reden, sich zu ändern.
Nach Knam wurde dieses Konzept in Ellwangen stets weiter geführt, seit acht Jahren in der Verantwortung von Markus Barth, der im Klettern eine Art “Herzstück” sieht. “Da bündeln sich einige pädagogische Hilfen”, erklärt er.
Beispielsweise muss man sich vorher überlegen, welchen Weg man geht, wo man eigentlich hin will, und muss dann mit der Entscheidung leben. “Es ist ein Erfolgserlebnis, das nicht unbedingt von einem Dritten kommt”, führt Markus Barth aus.
Aber auch die soziale Komponente ist wichtig: Im Klettern erfährt man die Sicherung durch den Partner, aber auch das Gefühl, selbst zu sichern, also helfen zu können.
“Unsere Kinder und Jugendlichen haben Gewalterfahrungen oder verwahrloste Familienzustände hinter sich”, führt Ralf Klein-Jung aus. Sie seien sozusagen Sozialwaisen. “Für sie ist es enorm wichtig, einen schützenden Rahmen, klare Regeln, Wertschätzung und Anerkennung zu erfahren”. Das alles versuche man in der Marienpflege sofort umzusetzen.“Kinder und Jugendliche können Unglaubliches leisten, wenn sie gefordert und gefördert werden.”
Durch die Erlebnispädagogik, auch durch das heiltherapeutische Reiten, habe er einen Reifungsprozess bei seinen Schützlingen erlebt, eine bessere Eigenständigkeit, die sich auch auf andere Lebensbereiche übertragen lasse. Deshalb unterstützt der Einrichtungsleiter auch wo immer es geht die Ideen von Markus Barth.
Vor zwei Jahren wuchs in diesem der Gedanke, das ehemalige Schwimmbad auf dem Gelände der Marienpflege zu einer Kletterhalle umzurüsten. Jetzt sieht das geflieste Bad aus wie eine riesige Kletterkiste. Tausende von Tritten sind für tolle Touren mit den witzigen Namen “Sher Khan”, “Lara Croft” oder “Never ending story” angelegt.
“Natürlich haben wir in Projekten mit den Kindern gearbeitet”, erinnert sich Markus Barth. Auch hier habe sich ein therapeutischer Zweck gerade zu aufgedrängt. Jetzt sind neben dem gigantischen Klettergelände auch noch eine Lochplatte, ein Affenpfad oder eine Slackline entstanden.
“Wir haben fest gestellt, dass besonders hyperaktive Kinder auf dem Schwebeseil richtig ruhig werden und sich gut konzentrieren können”, beschreibt der Erlebnispädagoge. Ein bisschen stolz sei er schon auf seine Lochplatte, die er “so noch nirgends gesehen hat”. Dort kann man sich innerhalb eines Koordinatensystems hoch hämmern.
“Das stärkt die Muskeln und fördert die Teamarbeit”, sagt Barth, der froh ist, dass “meine bekloppten Ideen” von der Vorstandschaft, dem Förderverein und vielen Freunden mitgetragen werden.
Am 7. November führt er zum zweiten Mal einen Wettbewerb durch, den so genannten “Quattro-Cup”. In Viererteams geht es hier um Mannschaftsgeist im Klettern, Balancieren oder Kraftübungen. “Die Mannschaftsleistung steht im Vordergrund, nicht die eigene”, beschreibt Markus Barth. Einen ganzen Tag lang wird die Kletterkiste in der Marienhöhe von Schülerinnen und Schülern aus ganz Süddeutschland belagert sein.
“Wir möchten langsam auch eine Vernetzung für unsere Kinder schaffen, damit sie Freunde über den Sport auch in anderen Städten finden”, erklärt Ralf Klein-Jung. In der Marienpflege jedenfalls wird die Erlebnispädagogik weiter ausgebaut. Eine neue Chance sehen die Erzieher auch für Kinder mit Essstörungen oder für übergewichtige Kinder. Dafür fällt Markus Barth sicher bald wieder irgendwas “Beklopptes” ein.Info:
Die erlebnispädagogische Arbeit in der Marienpflege basiert auf den Gedanken von Kurt Hahn (1886-1974), der als Wegbereiter der Erlebnispädagogik gilt. Er sagte: “Es ist eine Vergewaltigung, Kinder in Meinungen hineinzuzwingen, aber es ist eine Verwahrlosung, ihnen nicht zu Erlebnissen zu verhelfen, durch die sie ihrer eigenen, verborgenen Kräfte gewahrt werden können.”
Quelle: Schwäbische Post vom 29.10.2009
via: http://www.schwaebische-post.de/449472
Foto von: nico.cavallotto
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