Begeistern statt büffeln: Was Hirnforscher Pädagogen raten
Von Andreas Dudda | 20.Januar 2009
Das “Szenische Lernen” ist eine moderne Unterrichtsmethode, die in den letzten Jahren immer beliebter wurde. Die Idee dahinter ist es, Schüler “ganzheitlich” anzusprechen, sie also nicht nur geistig, sondern auch körperlich zu aktivieren. Um sich Vokabeln einzuprägen werden einzelne Wörter beim Lernen mit passenden Handbewegungen verknüpft, um sie sich besser merken zu können. Zudem haben Hirnforscher herausgefunden, dass Emotionen dem Lernen und der Kreativität förderlich sind. Büffeln soll Spaß machen. Entscheidend dabei ist, die zu lernenden Inhalte mit positiven Gefühlen aufzuladen – negative Emotionen wie Angst oder Stress hemmen hingegen die Kreativität und behindern den Lernprozess.
Aus: Bayern2Radio – radioWissen, vom 21.02.2007
Manuskript: Begeistern statt büffeln: Was Hirnforscher Pädagogen raten
Autorin: Claudia Bultje-Herterich
Redaktion: Iska Schreglmann
1. ZUSPIELUNG
Unterrichtsszene ganz kurz, fast wie ATMO/ Stimme Lehrerin: C´Ã©tait bien fait, c´Ã©tait parfait, merci – Ende Applaus….
SPRECHERIN
Applaus für eine Schultheateraufführung? Nein, eine recht gewöhnliche Französischstunde der Klasse 10 n des Gymnasiums Kirchheim bei München. Spontaner Beifall für die Leistungen von Mitschülern ist hier keine Seltenheit.
Lillly Nürnberger unterrichtet seit 15 Jahren Französisch und Latein. In den letzten Jahren gestaltet sie ihren Unterricht hauptsächlich über das “Szenische Lernen”.
SPRECHER
Das “Szenische Lernen” ist eine moderne Unterrichtsmethode, die vor allem darauf basiert, Schüler “ganzheitlich” anzusprechen, sie körperlich zu aktivieren. Eine Methode, die viele Möglichkeiten bietet, mit Worten spielt und Schüler oft gemeinsam im Chor sprechen lässt. Einzelne Vokabeln werden beim Lernen zusätzlich mit passenden Handbewegungen verknüpft, um sich im Gehirn besser einzuprägen und auch sonst wird vor allem viel Bewegung und Emotion in den Unterricht eingebaut.
2. ZUSPIELUNG (Lehrerin mit Klasse)
So, der Satz, wie ist der wohl im Text gesprochen worden? Machen wirs mal ärgerlich, alle zusammen. Die Mutter ärgert sich. Wir ärgern uns. Alle zusammen: Gut im Chor: “En fait…..” lachen. Eine Mutter die am Nervenzusammenbruch ist, und jetzt ist der “Pannier” nicht da….. Schüler lauter im Chor…ein Vater der absolut cool bleibt, eine schüchterne Mutter, Chor, piepsig. Merci!
SPRECHER
Das Gymnasium Kirchheim legt viel Wert auf fortschrittliche Lernmethoden und sucht gezielt Lehrer, die offen dafür sind. Seit 2005 arbeitet die Schule eng mit dem Ulmer “Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernforschung” zusammen, einer in Deutschland noch recht ungewöhnlichen Forschungseinrichtung, denn erstmals arbeiten dort Hirnforscher Hand in Hand mit Pädagogen. Seit zwei Jahren haben sich unter der Leitung des Hirnforschers und Psychiaters Prof. Manfred Spitzer, finanziell unterstützt vom Land Baden-Württemberg, in Ulm Ärzte, Neurobiologen, Psychologen und Pädagogen zusammengetan, um interdisziplinär die neuesten Forschungsergebnisse der Hirnforschung für die Schulpraxis nutzbar zu machen.
SPRECHERIN
Anhand von Hirnstrommessungen, EKG und Magnetresonanztechnik versuchen die Forscher herauszufinden, unter welchen Voraussetzungen sich Schulkinder am besten konzentrieren können, welche Lernatmosphäre die Aufnahme von Wissen fördert bzw. welche sie behindert. Durch tragbare Minicomputer – von den Schülern 18 Stunden lang am Körper getragen – ist es möglich, immer genauer zu beobachten, was im Gehirn passiert, wenn Kinder lernen.
SPRECHER
Alle Experten am Transferzentrum für Neurowissenschaften haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen zusammen mit Pädagogen und Lehrern das Lernen an der Schule verbessern. Durch vielfältige Zusammenarbeit mit Kultusministerien verschiedener Bundesländer, durch Lehrerfortbildungen und Methoden-Kongresse rücken sie den Zusammenhang zwischen Hirnforschung und positivem, nachhaltigen Lernen immer mehr in den Fokus der Diskussion.
Auch das “Szenische Lernen” am Kirchheimer Gymnasium wurde vom Transferzentrum wissenschaftlich unter die Lupe genommen. Untersucht wurden die Verbesserung der Sprechfähigkeit der Schüler in Französisch und die Erfolge beim Vokabel lernen in Latein.
SPRECHERIN
In Französisch mussten Schüler der 6. und 7. Klasse in sechs Lerneinheiten das Lesen eines unbekannten Textes einüben. Ein Teil der Klasse lernte traditionell: Die Schüler wurden der Reihe nach aufgerufen, um den französischen Text ganz oder in Teilen vorzulesen. Beim Szenischen Lernen wurde der Textabschnitt durch gemeinsames Vorlesen, das Lesen einzelner Sätze mit Körpereinsatz und dem Darstellen von Szenen eingeübt. Danach wurden die Schüler beider Gruppen per Video aufgenommen und Aussprache und Ausdruck beim Lesen von vier unabhängigen Lehrern beurteilt.
SPRECHER
Im Lateinunterricht wurden neue Vokabeln eines Textes erarbeitet und dann in zehnminütigen Sitzungen gelernt. Auch hier wurden die Klassen geteilt. Traditionell wurde mit dem Vokabelheft, durch Abdecken und Wiederholen geübt. Die anderen Schüler lernten “szenisch”: Also Lateinvokabeln über das Chorsprechen und den Einsatz von Bewegung.
SPRECHERIN
Nach einer Woche wurde das erste Mal geprüft, was “hängen geblieben” ist, dann nach sechs Wochen, acht Wochen später und zuletzt noch einmal nach zwölf Wochen.
SPRECHER
Die Ergebnisse waren eindeutig. In beiden Versuchen schnitten die Schüler, die “szenisch gelernt” hatten, besser ab.
SPRECHERIN
Lilly Nürnberger, die “Szenisches Lernen” schon länger praktiziert, war sich, so sagt sie, “eigentlich sicher”, dass ihre Methode besser funktioniere als herkömmlicher Unterricht – nur beweisen konnten sie es bislang nie.
SPRECHER
Von zwanzig Lateinvokabeln waren bei allen drei Kontrollgruppen des Szenischen Lernens nach drei Monaten immerhin noch durchschnittlich 16,3 Vokabeln erinnerbar, bei den Vergleichsgruppen traditionellen Lernens waren dagegen im Schnitt nur noch 6,8 Vokabeln im Gedächtnis präsent. Versuchsleiterin Katrin Vogt vom Ulmer Lernforschungsinstitut war doch erstaunt:
3. ZUSPIELUNG (Vogt)
Also für mich wars in dem Sinn überraschend, dass ich nicht gedacht hätte, dass die Ergebnisse soweit auseinander klaffen, wie sie das tun, (….) dass da die Ergebnisse soviel schlechter sind als beim zenischen Lernen, also da war ich schon sehr begeistert. (….) Aber dass das Szenische Lernen hier überlegen ist, kann man sich schon sehr gut erklären. (…) Wie ? Durch die Multimodalität in der Abspeicherung, d.h. ich speichere nicht nur das Wort in seinem Schriftbild ab, sondern ich speichere auch noch eine Bewegung ab, d.h. das zu lernende Element wird in verschiedenen Teilen des Gehirns abgespeichert und nicht nur in einem, also habe ich auch mehrere Chancen, es wieder abzurufen! Ich hab mehrere Angriffspunkte beim Abrufen des Gelernten.
SPRECHER
Wer im Vokabelheft die Liste der Wörter lernt, der lernt die Reihenfolge der Vokabeln mit. Das klappt bei manchen gut, die meisten Schüler verlassen sich dabei aber auf das vordere und hintere Wort, wissen also, wo das Wort auf der Liste steht. Begegnet es ihnen allerdings später in einem fremden Text, fehlt dem Gehirn der Kontext, eine sinnvolle Verknüpfung, zum Erinnern.
SPRECHERIN
Die Hirnforscherin Kathrin Vogt fügt hinzu, das “Szenische Lernen” habe jedoch nicht nur einen Einfluss auf das Abspeichern des Gelernten, sondern es sei der ganzheitliche Ansatz, der die Schüler aktiviere, sie auch emotional anspreche und dadurch ihre Motivation erhöhe.
Effektiveres Lernen, Emotion und Spaß am Unterricht: Was die Schüler durchweg zu motivieren scheint, ruft aber auch Skeptiker auf den Plan. Schon bei der Gründung des “Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernforschung” gab es Irritationen: Das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” publizierte zur Eröffnung im Juli 2004 unter der provozierenden Überschrift: “Feindliche Übernahme!” einen Bericht über die Ulmer Neurowissenschaftler, die nun, so wörtlich, “Rezepte für erfolgreicheren Unterricht” entwickeln wollten. “Kann die Schule von der Hirnforschung profitieren?” fragte damals der Spiegel weiter. Eine Frage, die bis heute unter Erziehungswissenschaftlern und Pädagogen heftig diskutiert wird.
SPRECHER
Tatsächlich beschäftigt sich die Hirnforschung auch in Deutschland seit einigen Jahren verstärkt mit dem Lernen. Vorne weg der Ulmer Psychiater Prof. Dr. Manfred Spitzer. Von ihm erschien bereits 2002 das Buch “Lernen – von der Schule des Lebens”: Spannende Erkenntnisse über unser Gehirn, und seine Art zu lernen. Seriöse Hirnforschung – populärwissenschaftlich verpackt. Mit den bildungspolitischen Schlüssen, die Manfred Spitzer aus seinem Wissen zieht, hat er sich nicht nur Freunde gemacht:
SPRECHERIN
Denn seiner Meinung nach, ist die Kenntnis neurobiologischer Grundlagen des Lernens unerlässlich, um bei den anstehenden Veränderungen im Bildungssystem keine Fehler zu begehen. Manfred Spitzer es sich deshalb mit einem Team aus Medizinern, Psychologen und Pädagogen zur Aufgabe gemacht, die neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung an die Orte und Institutionen zu tragen, an denen gelernt wird. Dass Schule dann effektiv ist, wenn sie den Schülern auch Spaß macht, ist eine davon:
4. ZUSPIELUNG (O-Ton Prof. Spitzer)
Wir wissen heute, dass nicht zufällig der Spaß mit Lernen was zutun hat, also positive Emotionen: wir haben positive Emotionen zum Lernen, (…) Unser Gehirn muss dauernd auswählen, was soll ich lernen, es stürmen unheimlich viele Impulse auf das Gehirn ein,und das macht es, indem es bewertet. Nun gibt es negative Dinge und die müssen wir auch schnell lernen, (…)wir haben aber auch ein System, und das wissen wir noch gar nicht so lange, das bewertet die Dinge positiv. Und das macht uns richtig glücklich, denn wenn dieses System anspringt, dann macht unser Gehirn ne kleine Endorphin Ausschüttung, und Endorphin, das ist selbst gemachtes Opium und wenn sie das in ihrem Hirn ausschütten, dann macht das Spaß! Und weiterhin führt dieses System dazu, wenn es anspringt, dass besser gelernt wird, weil Nervenzellen aktiver werden. Und jetzt, WANN springt dieses System an? Immer dann, wenn etwas passiert, was besser ist, als erwartet!
SPRECHER
Unser Gehirn belohnt das Lernen also außerordentlich stark – allerdings nur, wenn der Lernstoff sozusagen “besser ist als erwartet” – wenn er also interessant genug vermittelt wird, wenn positive Gefühle im Spiel sind, wenn die Lernumgebung stimmt.
SPRECHERIN
Von solchen optimalen Lernbedingungen können deutsche Schüler meist nur träumen. Überfrachtete Lehrpläne, überarbeitete Lehrer, Angst vor Blamage und vor schlechten Noten – wie wirken sich solche negativen Gefühle auf die Gehirne unserer Kinder aus?
Prof. Manfred Spitzer:
5. ZUSPIELUNG (Prof. Spitzer)
“Nun zunächst mal kann man unter guten und schlechten Emotionen besser lernen als OHNE Emotionen. (…) wichtig ist aber das (…) Emotionen wie Angst, Stress, Furcht aus mehreren Gründen ungünstig sind. (…) Stress führt zu neuronalem Zelltod und zwar genau da, wo man die Nervenzellen am meisten braucht, nämlich im Hippokampus . Der Hippokampus ist wiederum die Struktur, mit der wir lernen. (…) Wenn sie einen neutralen Inhalt unter der Emotion der Angst lernen, dann wird gleichsam die Angst mitgelernt und das ist insofern ganz ungünstig, als wenn dann unter Vermittlung unseres Angstsystems gelernt wird, die Angst eben wieder mit abgerufen wird, wenn diese Inhalte abgerufen werden. Und wir wissen wir schon lange, dass Angst und Kreativität sich ausschließen. (..) Daraus folgt, dass, wenn ich unter Angst lerne, dann hab ich heute schon dafür gesorgt, (…) dass das, womit ich lerne, nicht mehr fürs kreative Problemlösen eingesetzt werden kann. Aber genau darum geht’s ja, wir wissen ja alle, dass wir heute die Fakten, die wir heute lernen, die sind in 20 Jahren veraltet und alle sagen, wir müssen heute dafür sorgen, dass die Jugendlichen Kompetenzen erwerben, mit denen sie in 20 Jahren die Probleme lösen. (…) wir müssen dafür sorgen, dass sie mit SPASS lernen, damit sie, wenn sies abrufen nicht ängstlich sind und dann überhaupt nicht mehr kreativ sein können.”.
SPRECHER
Denn Informationen, die unser Gehirn in einer angespannten oder bedrohlichen Atmosphäre aufnimmt, werden vom sogenannten “Mandelkern” aufgenommen, einer Hirnregion, die keine Lernprozesse anregt, sondern Fluchtreflexe aktiviert.
SPRECHERIN
Produktives Lernen kann damit schon aus neurobiologischer Sicht nicht stattfinden. Enorme Fortschritte in den kognitiven Neurowissenschaften machen es heute möglich, Aktivitäten in einzelnen Hirnregionen zu messen und festzustellen, unter welchen Bedingungen Informationen aufgenommen und gespeichert werden.
SPRECHER
Moderne Technologien auf dem Gebiet der Bildgebenden Verfahren – wie die funktionelle Magnetresonanztomografie oder die Elektroenzephalographie (EEG) – liefern via Monitor farbige, höchst differenzierte Bilder dazu. Die Magnetresonanztomographie gehört zu den wichtigsten Fortschritten auf dem Gebiet der Hirnforschung im vergangenen Jahrzehnt und ermöglicht es, aktive Areale des Gehirns sichtbar zu machen.
SPRECHERIN
Beim Menschen konnte man beispielsweise zeigen, dass das Lernen von Vokabeln von der Entstehung von “Repräsentationen”, also sozusagen Gedächtnisspuren, im Hippokampus abhängt. Es ist tatsächlich möglich, durch die Ableitung von einzelnen Neuronen vorherzusagen, ob einzelne Vokabeln behalten wurden oder nicht.
SPRECHER
Sicher ist: Wer aufmerksam lernt, stärkt die neuronalen Vernetzungen, denn Lernen ist neurobiologisch gesehen eine Stärkung der Nervenfasern im Gehirn. Millionen von Impulse laufen durch diese Nervenbahnen hindurch, geben ihre Informationen über Synapsen weiter, verändern sich, wachsen.
SPRECHERIN
Um das Lernen aus seiner Sicht erfolgreicher zu machen, hat Manfred Spitzer im Transferzentrum für Lernforschung alle an Bildung beteiligten Disziplinen an Bord geholt. Er scheut sich nicht, sich in die bildungspolitische Debatte einzumischen, selbstbewusst will er Mitverantwortung übernehmen und bezieht gerne eine provokante, eindeutige Position:
6. ZUSPIELUNG (Spitzer)
“Die Pädagogik ist, glaube ich, auf dem Stand, wie die Medizin sagen wir mal so 1830 – da gab es auch gute Ärzte und die haben immer schon gewusst, dass wenn z.B. jemand Kopfschmerzen hat, dann kann man aus Weidenrinde einen Sud brauen und den kann man trinken und wenn man Glück hat, gehen die Kopfschmerzen weg,(…) und die heutige Medizin hat die Mechanismen aufgeklärt und deswegen dosieren wir richtig, und wissen auch genau warum und wieso, wir sind weg von “Der Doktor hat irgendwas Gutes gesagt! (…) aber genau auf diesem Stand ist die Pädagogik. Es wird nun höchste Zeit, das wir Erziehung, Wissenschaft, dass wir Lernen auf eine naturwissenschaftliche Grundlage stellen und das kann man, das ist die Gehirnforschung. Und wenn wir das tun, dann hört das auf mit den Moden in der Pädagogik, denn wir haben in der Pädagogik keinen Fortschritt, sondern einen Wechsel von Moden (….) Und ich glaube fest daran, dass langfristig aus Pädagogik angewandte Gehirnforschung wird!”
SPRECHER
Genau dagegen wehren sich viele Pädagogen und Erziehungswissenschaftler vehement. Der Pädagoge Dr. Eberhard Reich verweist in seinem 2005 erschienen Buch “Denken und Lernen -Hirnforschung und pädagogische Praxis” darauf, dass Hirnforschung und Neurobiologie oft kritiklos als neue Leitwissenschaften angesehen würden. Reich, Konrektor der Christopherus-Schule in Freudenstadt, bestätigt zwar, dass die Hirnforschung bei Pädagogen auf großes Interesse stoße, sie sei aber keine “Überdisziplin”, die die Pädagogik oder Psychologie ersetzen könne.
SPRECHERIN
Michael Fritz ist Geschäftsführer des Ulmer Lernforschungszentrums. Er hat in vielen Gesprächen mit Lehrern und Erziehungswissenschaftlern Angst und Skepsis gespürt. Die Befürchtung, dass die Neurowissenschaft jetzt pauschal alles in Frage stellt, und eine Art Neurodidaktik etablieren möchte. Und Skepsis, ob eine Umsetzung der neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung im Unterricht überhaupt möglich sein wird. Michael Fritz möchte diesbezüglich beruhigen und damit auch allzu große Erwartungen an die moderne Hirnforschung dämpfen. Er war selbst lange Jahre Hauptschullehrer und legt deshalb vor allem Wert auf Zusammenarbeit. Sein Ziel: Möglichst viele Lehrer über Fortbildung zu erreichen, um Missverständnisse zu vermeiden:
7. ZUSPIELUNG (FRITZ)
(…) Es gibt nicht die Neurodidaktik, die 1:1 aus dem Magnetresonanztomografen ins Klassenzimmer kommt. (…) Das andere ist, (..) die übertriebene Hoffnung, das jetzt aus den Erkenntnissen der Neurowissenschaft einfache Rezepte abgeleitet werden können, um Unterricht besser, schneller, effektiver zu machen, auch das wird nie möglich sein. Es wird nur möglich sein, dass die Neurowissenschaft Erkenntnisse, Hintergrundinformationen zusammenfügt, erarbeitet, die dann an Psychologen weitergegeben werden, die damit die pädagogische Forschung inspirieren, die dann Praxisforschung macht. Die Zusammenarbeit verschiedener Forschungsrichtungen, um gemeinsam Forschung für Bildung zu machen, dass ist, da bin ich fest überzeugt, der Weg der in der Zukunft.
SPRECHER
Robert Grimbs ist Ende 40 und seit fast 15 Jahren Kunst-Lehrer am Kirchheimer Gymnasium. Er war es, der den Anstoß gab, neue Lernmethoden, wie das Szenische Lernen, an seiner Schule auszuprobieren. Dank seiner Beschäftigung mit darstellender Kunst, Schultheater und Medienpädagogik hatte er keine Berührungsängste. Seine Überzeugung: Unterricht muss anders gestaltet werden, um Schüler heute noch zu erreichen.
SPRECHERIN
Deshalb brachte Robert Grimbs das “Szenische Lernen” an seine Schule. Er entwickelte mit Lehrerkollegen für deren Fächer auch andere sogenannte “schüler-aktivierende” Lernmethoden weiter
SPRECHER
Und diesen Methoden gemeinsam ist: Die Schüler erarbeiten sich ihr Thema selbständig in kleinen Gruppen und präsentieren dann ihre Ergebnisse. Der Lehrer vermittelt, ist mehr Moderator als Dozent.
8. ZUSPIELUNG (Grimbs)
Also ich finde es gut, wenn die Hirnforschung die Pädagogik erreicht und auch einen gewissen Einfluss hat. Man kann das dann auch Druck nennen, aber zunächst mal finde ich es wichtig, dass wir als Pädagogen eingehen auf die Ergebnisse, die die Hirnforscher erkennen. Meiner Meinung nach ist das so, dass das in der Schule noch viel zu wenig passiert, und dass ein Problem, das wir in vielen Bereichen der Schule haben, das ist, dass wir unsere Methodiken, unsere Didaktiken, unsere Verfahrensweisen niemals überprüfen! Es wird kaum überprüft, welche Vorteile eine bestimmte Methode hat, in Bezug auf eine andere, und das, was wir versuchen mit der Zusammenarbeit ZNL szenisches Lernen, ist der Versuch, eine Methode zu objektivieren. Ich halte das für außerordentlich wichtig und sehe den Druck, der von der Gehirnforschung kommt überhaupt nicht negativ, sondern im Gegenteil, ich halte ihn für außerordentlich fruchtbar für die Entwicklung der (…) Pädagogik, der Schulentwicklung überhaupt, denn worauf sollen wir uns stützen, wenn nicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse!!!!
SPRECHER
Differenzierte Kenntnisse über das, was in den Gehirnen der Schüler abläuft und welche Methoden die Hirnstrukturen beim Lernen unterstützen, solle jeder Lehrer haben. Davon sind “Lernforscher” wie Michael Fritz vom Transferzentrum für Neurowissenschaften in Ulm überzeugt:
9. ZUSPIELUNG (Fritz)
“Die neue Rolle des Lehrers ist weg vom Belehrer hin zum Lernbegleiter und Betreuer. (…) Menschen lernen für sich. Lernen ist ein aktiver Prozess und als Lehrer kann ich nur diesen individuellen aktiven Prozess begleiten, unterstützen, anregen, mitsteuern, aber ich kann ihn den Schülern nie abnehmen, indem ich rein belehre. Der Arbeitsplatz des Lehrers ist das Gehirn des Schülers. Dort muss sich etwas verändern, dann hat Lernen stattgefunden. Wenn der Arbeitsplatz des Lehrers nur die Tafel ist, an der er schwitzt, und der Schüler gelangweilt daneben sitzt, dann passiert nichts!”
SPRECHERIN
Und das ist für beide Seiten – Lehrer und Schüler – eine unbefriedigende Situation. Vor allem, wenn man weiß, dass die Persönlichkeit der Lehrer aus Sicht der Hirnforschung mit Abstand der wichtigste Faktor für gelungenes Lernen in der Schule ist. Denn ein positives Lernklima ist abhängig von der Art und Weise, wie Lehrer oder Lehrerin ihren Schülern etwas vermitteln.
SPRECHER
Deshalb schlägt Professor Manfred Spitzer vor, dass Lehrer dort ausgebildet werden, wo Schüler sind, damit sie von Anfang an wissen, was Unterrichten bedeutet und früh genug herausfinden können, ob sie wirklich dafür geeignet sind. Schulen, so Spitzer, bräuchten Menschen, die begeistert sind von ihrer Sache und diese Begeisterung auch vermitteln könnten. Aber – dessen sind sich die Hirnforscher bewusst – eine Umsetzung all ihrer Forderungen benötigt als erstes andere Rahmenbedingungen. Mehr Geld für Bildung, mehr Lehrer, kleinere Klassen, Ganztagskonzepte, um eine andere Form des Unterrichts überhaupt möglich zu machen.
SPRECHERIN
Weniger Faktenwissen – dafür aber eine intensivere, vielseitigere Vermittlung, das wäre für den Leiter des Ulmer Transferzentrums, selbst Vater von vier Kindern, schon ein echter Fortschritt.
10. ZUSPIELUNG (Spitzer)
“Wenn den Lehrern klar ist, das es um Emotionen geht, dass unser Gehirn eben Szenen lernt und nicht Fakten, dass unser Gehirn durch Geschichten angesprochen wird und nicht durch Einzelheiten, dann ist schon viel gewonnen.”
11. ATMO Klassenzimmer französisch……drüber
SPRECHERIN
Im Gymnasium Kirchheim sind schon viele Lehrer dabei, umzusetzen, was die Hirnforscher raten. Selbst französische Grammatik kann dann Ihren Schrecken verlieren. Das “Passée composée”, die zusammengesetzte Vergangenheit, haben diese vier Zehntklässlerinnen nicht nur mal kurz für die Prüfung gepaukt. Nein, sie haben die Grammatik kreativ in ein rhythmisches Gesangsstück, einen Rap, umgesetzt. Das Thema war selbst gewählt: Es geht um Schmuck. Und so rappen die vier nun darüber, wie sie ein Schmuckstück geliebt, gesucht, verloren und wieder gefunden haben.
12. ZUSPIELUNG:
Le bijoux
Le bijoux, que j´ai aimée!
Le bijoux, que j´ai cherchée
Le bijoux, que j´aà perdue
Le bijoux, que j´aà trovée…..
BIJOUX, BIJOUX, BIJOUX………..
SPRECHER
Persönliche Betroffenheit, Musik, Rhythmus – auf diese Weise steigt die Wahrscheinlichkeit ums Vielfache, dass die Mädchen das französische Passée Composée so bald nicht mehr vergessen werden.
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22.April 2011 um 08:48
Denn ein positives Lernklima ist abhängig von der Art und Weise, wie Lehrer oder Lehrerin ihren Schülern etwas vermitteln.